Vers für Vers erklärt
Es ist als Jurtenbauer unvermeidbar mit dem Konzept der perfekten Jurte konfrontiert zu werden. Von ihr gesprochen wird ja zumeist, wenn etwas als nicht perfekt auffällt und kommuniziert in der Regel ein Gefühl des Mangels. Hierzu gebe ich dann immer gerne einen Schuss (leicht lyrische) Fülle: wenn es jetzt schon perfekt wäre, fiele unser aller Zukunft der Langeweile anheim.
So sage ich das natürlich nicht. Aber ich meine es so. Denn wir wollen weiter entwickeln, oder genauer gesagt, dabei zusehen, wie sich die Dinge in unseren Händen ent-wickeln, scheinbar willentlich gesteuert und doch sehr eigen-initiativ.
So ereilen uns immer wieder Änderungen in der Art und Weise Jurten zu bauen, in den Materialien, den Designvorstellungen – und genau diese fortwährenden Änderungen rechtfertigen es, immer wieder über die gleichen Dinge zu schreiben. Natürlich habe ich auch letztes Jahr schon einmal an irgendeinem Punkt die Teile unserer Jurten beschrieben, aber letztes Jahr ist lange her. Und gedichtet wurde da auch nicht.
Und um diesen Missstand zu beheben, schlage ich als Gliederung ein selten gesungenes Lied für Jurtenmontagen vor. (Eine technische Vertiefung (vom Vorjahr) findet sich zudem hier: https://jurte.de/jurten-einmaleins/)
Das Fundament
„Komm wir ziehen einen Kreis / Von dem jeder weiß / Wir haben ihn / Von der Erde nur geliehen.
Komm wir setzen darauf Steine / In jede Richtung einen / Die Basis, die uns hält / Und uns verbindet mit der Welt“
Diese acht Zeilen sagen eigentlich alles. Unser „Haus“ wird rund und wir kommen mit dem Anspruch, ohne Spuren zu hinterlassen wieder zu gehen. Wir setzen darauf alleine Steine oder Pfähle, diese werden aus ebenso praktischen wie esoterischen Gründen grob an den Himmelsrichtungen ausgerichtet, und auch wenn wir in unseren Jurten leider nicht direkt auf der Erde leben, sind wir doch sehr nah dran an drunten, droben und ganz allgemein draußen.
Außerdem immer ein bisschen lose und theoretisch hoch mobil, technisch nicht einmal fest verbunden mit der Basis, und dadurch nicht nur einfach wegnehmbar, sondern auch ebenso schnell korrigiert, sollte tatsächlich mal ein Punktfundament nachgeben. Wozu wir eigentlich viel zu leicht sind. Das Fundament besteht aus nur 0,5t bis 2t Schotter und Steinen oder rund hundert Kilo Pfählen. Darauf schwebt unser „Haus“ mit seiner einen Tonne Gewicht. (Und doch nicht darüber hinweg wie leichte Jurten oder Tipis, die Stürmen nur wenig Masse, dafür aber viel Fläche entgegenzusetzen haben.) Pro Punktfundament treten selten mehr als 100kg Last auf. Zwei starke Menschen könnten sie anheben.
Der Boden
„Und aus vielen Ecken Dielen / Formen wir das Rund / Auf dem unsre Kinder spielen / Tanzen, lachen, singen und…“
Kommen wir zum Raumwunder Jurte selbst. Nachdem unsere Rundzelte jahrelang genau genommen eckig waren, sogar die Kränze genaugenommen eckig waren, ist inzwischen dank der neuen Dämmauflagebretter und der Handbandsäge wieder alles rund. Eine Scheibe aus massiven Kiefern- oder Lärchendielen, damit es sich stabil spielt und mit mindestens 10cm Bio-Hanf darunter, damit es sich warm tanzt. (Und ansonsten so schön weich gepolstert, damit es sich ganz ohne Hall singt.)
Kommt und seht ihre Strahlen / Ihre lichte Gestalt / Wie eine ganz kleine Sonne / In die Landschaft gemalt
An dieser Stelle muss der Song für die Grundausstattung unserer ANIMA Jurten vielleicht schon bald neu geschrieben werden. Ab 2027 werden die Bodenteile per Schablone ausgeschnitten, die Einpassleisten („Strahlen“) zwischen den Dreiecken werden nicht mehr nötig sein. (Wir vermissen euch schon jetzt!) Aber die Sonne, die Mittelplatte, bleibt und der jedes Mal so plötzlich eröffnete, helle Raum aus Nadelholz wird weiterhin in die Landschaft hinein strahlen.
Das Gerüst
„Dann ziehen wir die Wände / Vorsicht auf die Hände / Und setzen auch die Türen / Die uns ab heut’ nach Hause führen“
Wir beginnen den Bau am Kokon gegen die Erdanziehung, der uns fortan statisch umschließen wird wie eine warme Hand und uns vor allen möglichen Lasten des Himmels schützt. Statisch – dynamisch, muss man sagen, denn Jurten schwingen mit dem Wind und ducken sich zumindest ein bisschen unter den Schnee. Kernelemente in diesem Spiel mit den Elementen sind der Kreis als Form, die Diagonalverstrebung der Wände als Prinzip und das Lebensband, der Ringanker, als Gefäß, das alle Zentrifugalkräfte, die der Dachkranz gen schräg außen schickt, bereitwillig aufnimmt. (Ein bisschen wie der Schoß der Weltenschlange.)
Da diese Jahrtausende alte Technik bei uns ganz neu ist, werden wir nicht müde darauf zu verweisen, dass, um Quetschungen vorzubeugen, aus diesem Spiel mit den Wänden die Hände herausgehalten werden sollten. Unkritischer sind da die Tür(rahmen) – sie bleiben mindestens so lange offen, bis wir sie nach getaner Arbeit zum ersten Mal hinter uns zu einem Zuhause schließen.
„Und plötzlich…
Hängt am Himmel ein Rad / Und wir füttern es mit Speichen / auf dass es stark und alt wird / wie ein Wald aus Eichen“
Tatsächlich geht dieser Schritt, der beim Hausbau gleich ein ganzes Richtfest rechtfertigt, bei der Jurte sehr schnell – und immer noch schneller. Hatten wir zu Beginn die Kränze noch auf der Leiter stehend auf Händen getragen und sie danach über ebenjene Leiter gehängt, stemmen wir sie inzwischen eigentlich bei allen Größen über ein Lager aus Dachstangen in Position. Unsere präzisen Kranzbohrungen und stabilen Kernhölzer als Radspeichen machen es möglich. Schon drei davon lassen den Kranz im Himmel hängen – nur drehen wird er sich nie wirklich.
Als Entschädigung bekommt er zumindest gleich eine ganze Jahresration Dachstangen zum Verzehr zugesteckt und vereint deren Kraft mit seiner eigenen Mehrfachverleimung zu einem wahrhaft wunderlichen Kraft-Gewichts-Verhältnis, von dem jeder Kletterer nur träumen kann.
Bleibt dieses Gerüst fortan geschützt vor dem alles in seinen Kreislauf ziehenden Wasser, kann es sogar weit älter werden als ein Wald (hierzulande).
„Es ist so weit…
Kommt und seht ihre Kurven / Ihre schöne Gestalt / Wie mit ein paar feinen Linien / In den Himmel gemalt“
Und so ist es wirklich. Nichts ist so schön wie eine nackte Jurte. Nichts zieht die Blicke auf sich wie ein Gerüst vor seiner ersten Garderobe. Die schlanke Taille der mongolischen Jurte, bei der die Scherengitterleisten nicht unter Dampf gebogen werden und deren Wände also immer eine leicht konkave Form aufweisen, die großen Augen unserer weit geöffneten Fenster, die Grazie ihrer fast nur angedeuteten Konstruktion, der vollendete Farbkontrast von Holz vor Himmel. Und auch wenn wir nicht mehr stolz sind auf jeden zum Fliegen gebrachten Dachkranz, so sind wir doch jedes Mal wieder ein bisschen verzaubert von der Anmut dieses Aktes aus einem Handumdrehen die Struktur eines Lebensraumes zu schaffen.
Die weichen Teile
„Komm wir ziehn sie an / Trocken und warm / Und elegant / Frisch aus dem Flower-Power-Plant / (von den leichter leben pot heads)“
Und wie alle echten Gentle(wo)men, ziehen wir unsere Jurten nach diesem Akt (dann auch wieder an). Von innen nach außen erst schön (Biobaumwolle oder Jute), dann warm (100% natürliche Wollvliese), dann trocken (und zugleich atmungsaktiv: das Regentuch) und zuletzt vor Wind und Sonnenlicht geschützt (das 100% recycelte Außentuch). Da wir quasi keine Dämmstärke unter 10cm kennen, geraten unsere Jurten immer ein bisschen vollschlank und elegant. Die Gerüststruktur und fast auch ein bisschen die Form gehen darunter verloren. Wer diese auch von außen sehen will, dem sei eine Hinterlüftungsebene empfohlen.
Das Flower-Power-Plant ist der Spitzname unserer Jurtenbau- und Bildungsstätte im Gewerbegebiet – man könnte es auch Mutterschiff nennen, was da entsteht – und wird in den nächsten Jahren vermutlich auch über 50 Jurten im Jahr zur Welt bringen können. Und das obwohl wir Menschen in dieser recht archaischen Jurtenmaschine uns zumindest in Veröffentlichungen gerne selbst einen Hippie-Anstrich verpassen – die Auszeichnung pot head im engeren Sinne darf sich bei uns aber schon länger niemand mehr ans Revers heften.
„Und dann ist es vollbracht / Für den Anfang bereit / Mit dem ein Leben sich wendet / von den Mauern befreit“
Und in diesem Fall wird nicht nur der Song am Ende episch, sondern auch das vorläufige Endergebnis, das in aller Regel gar nicht an sich halten kann, sich sofort weiter zu transformieren zu einem echten Wohnraum, Luft- und Lichtschloss, Lebenstraum. Dann ist sie bereit, für dich den Raum zu halten für deinen Weg durch den Wandel.
(Einst hatte uns jemand geraten statt „Leichter Leben“ den Wahlspruch „Befreiter Leben“ zu verwenden, was wir sofort als unfassbar unelegant verwarfen – und jetzt schwingen wir selbst die Parolen von der Befreiung der urbanen Klasse.)
Danke Mutter Erde für den geliehenen Kreis, danke uns allen für die Pop-up-Paradiese und danke für die Wendungen des Lebens.








