Über-Jurten-Winter(n)
Die kalte Jahreszeit – das eigentliche Highlight des Jurtenlebens
„Aber doch nicht im Winter?!“ Wie oft schon habe ich diese Mischung aus Unglauben, Besorgnis und Erschrecken im Gesicht meines Gegenübers erlebt, wenn ich völlig absichtslos von dem Umstand berichtete, natürlich auch im Winter in meinem Zuhause – einer Jurte – zu wohnen. (Wo auch sonst? Auf der Straße?) Die eigentlich angemessene Reaktion dagegen sieht man selten: Neid.
Nicht dass hier irgendjemand wünschte in irgendeiner Weise beneidet zu werden, aber kann es etwas Schöneres geben, als einen ganzen, langen, dunklen Winter in einer Jurte zu wohnen?
Kann es ein Gefühl von Wärme geben, wenn man die Kälte aus seinem Alltag verb(r)annt hat? Kann es ein Gefühl von Geborgenheit geben, wenn man die Wahrheit verdrängt, dass es in unseren Breiten noch immer Nächte gibt, die man im Freien nicht überleben würde? Und kann es ein Gefühl von Ruhe geben, wenn man den Schnee nicht auf das Dach fallen hören kann? Vielleicht. Hunger, sagt man, sei der beste Koch. Ja, und in einer zunächst winterkalten Jurte ein Feuer machen und dann die Hände und das Gesicht dem Widerschein der Flammen zuwendend dieses Lebenselixier aller Warmblüter sich auf der eigenen Haut verteilen spüren, das ist dann die beste Decke.
(An dieser Stelle sollten wir eine Tatsache klarstellen: man kann eine Jurte genauso ausstatten, wie ein Haus. All diese urig anheimelnden Bilder aus einem einfacheren Leben, die hier aufgerufen werden, beziehen sich auf Jurten, die entweder aus Respekt vor dem Ökosystem oder aus reiner Freude am unverstellten Leben absichtlich nicht mit App-gesteuerter Wärmepumpe, Fußboden-geheiztem Badanbau mit Starkstrom-Durchlauferhitzer und einem direkten Durchgang zur ebenfalls geheizten SUV-Garagen-Jurte ausgestattet wurden.)
Aber in einem Blog berichtet man ja aus den eigenen Erfahrungen und die orientieren sich zumindest bei uns an der Idee eines Leichteren Lebens. Und da wartet die kalte Jahreszeit in einer Jurte natürlich mit einigen Besonderheiten auf: Dein Wohnraum ist nur dann kuschlig warm, wenn du dafür sorgst. Also Holz gehackt und getragen hast. Feuer gemacht hast. Er wird dann viel schneller warm als ein massereicher Massivbau, weil die Wand zugleich die Dämmung ist, aber auch schneller wieder kalt. Was wiederum zumindest im Falle unserer dick eingepackten Jurten sehr viel Energie spart. Oder: Je nachdem, wie du deine Wasserversorgung organisiert hast, musst du bei hartem Frost die Leitung leeren dein Wasser tragen. Was wiederum extrem viel dieses anderen Elixiers spart. Und es empfiehlt sich nicht nur aus Energiespargründen vor allen Fenstern und Türen der Jurte des Nachts die Thermovorhänge zu schließen. Mit diesen paar Handgriffen verwandelst du dein rundes Heim zudem von einem Ort der Öffnung in die Umwelt hinaus in einen heiligen Kreis der Einkehr und der Einfachheit. In dem, Lichtkuppel sei Dank, noch immer Sterne, Mond und das erste Licht des Tages üppig scheinen.
Denn das ist aus Sicht des Psychologen der nächste große „Winterwohntraumtrumpf“: Auch in der dunklen Jahreszeit fällt in eine Jurte zehnmal mehr Helligkeit als in einen Raum. Kunstlicht bei Tag? In einer Jurte kaum wahrnehmbar. Die Decke fällt nicht auf den Kopf, wenn sie aus Licht und Leichtigkeit besteht.
Für alle diese Besonderheiten des Jurtenwinters gibt es einen Namen: Sport. Aber nicht nur. Auch: Verbindung. Und: Verbindlichkeit. Echtheit. Dankbarkeit. Für Wasser, Wärme, Sterne. Dafür zu spüren, dass wir noch sein dürfen, wenn wir uns zu sein entscheiden. Genau das, was der Psychologe in mir einem Menschen empfehlen würde zu trainieren, der es nicht immer leicht hat aus dem Bett und in den Tag zu kommen. An dem die dunklen Tage nagen, Jahr für Jahr. Und der zugleich nicht nur seine eigene Rettung sehen will – sondern auch die größeren Systeme schonen möchte.
Damit nicht nur die Angst verfliegt vor dem Mangel an Komfort. Sondern auch der Neid verblasst, den man zum Glück nur spüren kann, wenn man die Jurtenwinter kennt.








