Viel Sonne, viel Energie – neun der elf Fenster gehen nach Süden.

Jurten sind angeblich eine Koinzidenz eines der beiden einzigen Ereignisse in der Geschichte von Homo Sapiens, bei dem dieser tatsächlich dafür sorgte, dass mehr CO2 aus der Atmosphäre gebunden als dorthinein ausgestoßen wurde. Der Überfall der Hunnen auf Europa und der Überfall Europas auf die neue Welt. Beide Male wurden so viele Menschen „gestorben“, dass es zu einer signifikanten Wiederaufforstung ehemaliger Ackerflächen durch Mutter Erde kam – und so zu kleinen Zwischeneiszeiten. Die letzte hat das Voranschreiten der westlichen Zivilisation in die Moderne angeblich um 150 Jahre verzögert – so hätte sich demnach die Gier der Konquistadoren im Amazonasbecken über eine Klimarückkopplung zu Hause in Europa gerächt. Aus Goldhunger ist Öl- und Kohlehunger geworden – aus Minieiszeit wird aller Voraussicht nach diesmal ein persistierendes Fegefeuer.

Unsere Jurten sollen natürlich kein Massensterben begleiten, sondern Emissionen und Ressourcen auf anderem Wege einsparen. Verheizen wollen wir vier nicht mehr als 2-3 Ster Holz(reste) im Raketenofen. Deshalb habe ich 13cm Schafwolldämmung in Dach und Wand und 10cm im Boden, sowie einiges an Klimaband verbaut. Außerdem kommt über die 140cm Kuppeln im Dach und die sieben Fenstern nach Süden viel Strahlungswärme an. Die Molekülform der drei Jurten umfasst zudem die Terrasse in einem 120°-Winkel, was zusammen mit der Lage im Südhang ein Mikroklima für Mensch und Garten schafften soll.

Als Zielgröße stünden so ca. 3000 CO2-neutrale Heiz-kWh bei uns vs. 25.000 zu nur 14% CO2-neutrale kWh im Landesschnitt. Gut eins zu zehn.

Wieviel (Öko-)Strom wir verbrauchen werden, wird ebenfalls interessant zu sehen sein, haben wir doch „nur“ eine Waschmaschine, einen Boiler (in der eher selten benutzten Dusche im Haus), einen Wasserkocher, einen Toaster, eine Sojamilchmaschine, eine Stereoanlage, einen Rechner und zwei Laptops. Die Beleuchtung läuft auf LED und ist nur nötig, wenn es auch draußen finster ist (und auch nicht bei Mondschein), so hell sind die Jurten. Und Warmwasser erzeugt hoffentlich über viele Monate die Solardusche oder der Ofen nebenbei.  Alles außer Waschmaschine und Boiler hängen auf jeden Fall an einer 3600-Watt-Leitung. Mehr verbrauchen geht da nur kurz und bis die Sicherung fliegt.

Der deutsche Schnitt für vier Personen liegt hier bei etwas über 5000kWh und 35% erneuerbarer Energie. Möglich ist auch hier ein Verbrauch von einem Zehntel im Vergleich zu „Normal“.

Wasser wird über die nächsten Jahre im sommerlichen Oberfranken auch zunehmend zum Thema werden (wir denken einfach mal nicht an die kommenden Jahrzehnte oder gleich Jahrhunderte, das wäre viel zu gruselig). Hier greifen verschiedene Aspekte des Jurtenlebens zugunsten des Planeten ein: Wir haben zwar auch ein WC im Haus, Ziel ist aber natürlich dort kein Weißwasser ins Schwarzwasser-Gruselkabinett hinunter zu schicken, sondern lieber in der Komposttoilette Dünger herzustellen. Gespült wird tensidefrei und sparsam von Hand (auch 0.3 bar Druck muss man nicht einfach laufen lassen) über dem Grauwasserturm, dessen gefiltertes Wasser wiederum den Pflanzen darin und dem Garten darunter zugutekommt. Gleiches gilt für die Solardusche, unter der man auch nicht zwei Mal täglich 20min steht. Insgesamt zahlt sich ein sehr natürlicher und atmungsaktiver Wohnraum wie eine Jurte bei der Hygiene aus – Menschen stinken einfach weniger, wenn sie draußen oder „wie-draußen“ sind (und wenn sie weniger ehemals kranke und jetzt tote Tiere essen). Gegossen werden soll schließlich mit Regenwasser, das unter der Terrasse gesammelt wird. Da die Wasserleitung nicht komplett frosthart verlegt ist, werden wir zudem im Winter das Wasser vom Haus herauftragen. Erfahrungsgemäß verbraucht man dann um die 100l in der Woche. Schließlich ist Wasser recht schwer.

170.000l zu viert ist hier die Referenzmenge. Trotz Gemüseanbau müsste sich dieser Wert ebenfalls locker durch zehn teilen lassen.

Bleiben auf der Seite der hard facts noch der Konsum und seine beiden Kehrseiten: Müll und graue Energie (bzw. „graues CO2“). Bei ersteren beiden laden Jurten im Allgemeinen dazu ein, nicht ganz so viel zu kaufen, wie das üblicherweise der Fall ist – aus Platzmangel. Und weil second hand einfach gut zur Jurte passt. Und wer zudem weniger kauft, kann bessere und langlebigere Qualität wählen. Außerdem haben unsere Kinder über die Jahre ihren Spielmittelpunkt immer weiter nach draußen zu Tieren, Stöckchen, Steinen, Schneckenhäusern, Federn und Pflanzenteilen verschoben. Eine immense Quelle an Schrott und zukünftigem Schrott versiegt, wenn der Konsum um die Kleinsten – bei deren materiellem Wohl freilich nicht einmal um den Preis eines kaputten Planeten gespart werden darf – Grenzen findet.

Bei allen organischen Abfällen (und im Grunde auch kompostierbarem Papier und Pappe) kommen der Garten und die Hühner ins Spiel. Zwar essen auch wir nicht immer alles auf oder wird auch in einem kleinen Verdunstungskühlschrank mal etwas schlecht – aber dann kommt es zumindest als Ei (oder Fleisch) zurück. Hühner sind gefiederte Schweine. Sie machen auf diese Weise zudem den „Vorabwasch“. Der Rest an Biomüll wird Kompost und in der Folge wieder Garten.

Dieser Garten wurde in den „Nachhaltigkeits-Prototypen“ unserer Jurten gewissermaßen eingeplant. Die Terrasse im Südhang bildet eine thermische Schwelle, die Jurtenwände und „Jurtenkellerwände“ ebenfalls. Alles ist im Sinne der Permakultur nah bei der Hand und unter den Augen – zur einfacheren Bewirtschaftung und dem vermehrten Vergnügen. Das Wasser wird in einer ebenerdigen Regenrinne um die Jurten herum in den Garten geleitet. So bleiben das Fundament und der Stauraum unter den Jurten trocken und das Wasser versickert auf den Schattenseiten nicht ungenutzt. Alles folgt der Frage: „Inwieweit kann man in guter Exposition mit bescheidenen Mitteln auf der blanken Wiese (vor nicht sehr langer Zeit noch Agrarwüste) für Mensch und Tier Rückzugsräume vor kollektiver Überhitzung und gemeinschaftlichem Aussterben schaffen?“

Die Früchte des Gartens „schützen“ dann wiederum vor Plastikmüll und Frachtflugmeilen im Laden – und die Hühner erlauben auch für Kinder und Leistungssportler einen weitestgehend veganen Einkauf. Bei nur fünf von elf unserer Hennen, die bereits zu legen begonnen haben, sind wir und unsere Mitbewohner so gut mit tierischen Proteinen versorgt, dass niemanden mehr ein übergroßes Verlangen nach Wurst oder Hax‘n überkommen sollte. (Wie der findige Leser bereits ahnt, soll es an dieser Stelle rein um die Gesundheit des Ökosystems gehen – inwieweit die genannten Aspekte auch unsere Gesundheit und Leistung beeinflussen, wird an anderer Stelle eine Vertiefung erfahren.)

Bleibt der in diesem Punkt wohl frappierendste Unterschied fliegender Bauwerke im Vergleich zu herkömmlichen – die graue Energie. Wer sein Leben durch einen CO2-Rechner laufen lässt, der wird immer nur nach den laufenden ökologischen Kosten gefragt – nie nach den für seine Behausung bereits investierten Ressourcen. Nur sind diese z.B. im Falle von Beton und Zement allein für ebenso viele weltweite Emissionen verantwortlich wie der gesamte Flugverkehr. Eine Jurte hat kein Fundament, alles ist recyclebar, bei jedem Auf- und Abbau können alle beschädigten Teile repariert werden, viel ist von vornherein „upgecycled“, B-Ware, Restposten. Beim Bau der drei Jurten kam ich in keiner Weise ans Limit von Plastik- und Papiertonne – Rest- oder gar Sondermüll fiel gar nicht an. Alle Teile lassen sich von Hand bewegen und aufbauen, versiegelt wird nirgends.

Eins zu zehn im Vergleich zur grauen Energie einer Wohnung oder eines Hauses dürfte in diesem Punkt schon deutlich zu hoch gegriffen sein.

Und wenn das Wasser ausgeht, das Ökosystem kippt oder irgendwer aus Durst einen Atomkrieg anzettelt, können wir unser Haus mitnehmen. Leider aber nicht den werdenen Garten darum herum.

Deshalb tragen wir auch schon in Zeiten, in denen sich CSU und CDU (und damit leider auch gezwungenermaßen wir alle) noch immer erfolgreich gegen die Zukunft stemmen, gewissermaßen freiwillig dazu bei, dass Europa und diese Welt eine Heimat bleiben. Und wir dann auch unseren Garten behalten können. Weiterhin grün, frei, leicht! Reich und einfach so viel schöner (was das Wohnen anbelangt natürlich nur 😉…)

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