Aufwachen in auf Eis gelegten Träumen.

(Fortsetzung von: Wie wir zu den Jurten kamen Teil II)

Was Elizabeth Warren für die gesamte USA umsetzen will, um den Klimakollaps oder auch einen Bürgerkrieg zu verhindern, ereilt uns vier in der Folge fast eher, als dass wir es ausdrücklich suchen würden: Der große strukturelle Wandel.

Wer für sich persönlich schon einmal in vorauseilendem „Klimagehorsam“ umsetzen will, was das Land – solange es die CSU gibt – stets wollen wird sollen ohne es je schaffen zu können (2 Tonnen CO2 pro Person und Jahr), dem sei ein umfassender Bruch mit vielen althergebrachten Überzeugungen und Routinen angeraten. Auch wir würgen dafür ein paar Prämissen ab: Zunächst einmal die direkte Nähe zu einer unserer beiden Stammfamilien – sie wohnen allesamt am teuren Alpenrand. Gleiches gilt für die Nähe der Berge. Oder für den französischen Sprachraum – wenn man wegen der Assistenzarztausbildung nicht nach Frankreich „kann“, bleiben nur sehr flache, oder teure, oder weit entfernte Gebiete. Auch auf den maximal möglichen Lohn verzichtet man freilich, wenn man die Schweiz verlässt (diese Entscheidung unsererseits trifft bei nicht gerade wenigen Gesprächspartnern auf blankes Unverständnis).

Wer sich leicht, frei und grün machen möchte, der hat es einfacher, wenn er antizyklisch denkt und handelt. Wir entschließen uns also zu folgender Stoßrichtung: Land statt Stadt, relative Provinz statt Boomgegend, eine Region von spezifischem statt allgemeinem Interesse – Felsen statt Berge, Flüsse statt Seen, Kerwa statt Oktoberfest. Franken statt Bayern. Besser gesagt die Fränkische Schweiz.

Zum ersten Mal kommt uns die Idee bei einem Kletter-Zwischenhalt auf dem Weg nach Berlin und sowie wir in die Immobilienseiten schauen, bemerken wir, dass hier für ein gleichwertiges Objekt im Vergleich zum Münchner Süden oder natürlich auch der Schweiz stets die eins vor den sechs weiteren Ziffern fehlt. In der Bilanz wird man also mit einem Umzug hierher zum Millionär.

Millionär wollte ich schon immer nie sein.  Sind doch die Möglichkeiten zu Konsum stark eingeschränkt, will man wirklich nur 2t CO2 pro Jahr emittieren.

Jeanne stößt auf eine interessante Stelle in Bayreuth, nur eine wirklich geeignete Immobilie finden wir in den ersten Monaten Suche noch nicht und so ziehen wir zunächst einmal zur Miete zwischen Stadt und Klettergebiete. Ich hätte lieber direkt mit einem Wohnprojekt gemeinsam mit anderen Familien losgelegt, aber wer zu den Sternen will, muss manchmal auch die Mühen eines kleinen fränkischen Dorfes mit Vermietern direkt nebenan in Kauf nehmen.

Und so schwer der Einstieg v.a. wegen eines schweren familiären Verlustes ist, so schnell bahnt sich eine der vielleicht im positiven Sinne folgenschwersten Begegnungen unseres Lebens an: Nach nur zwei Monaten in Oberfranken treffen wir eine Familie mit zwei etwas kleineren Kindern und einem Anwesen – man kann es nicht anders nennen – die ebenfalls auf der Suche nach einem Wohnprojekt sind. Der Garten erinnert uns direkt an den dritten Vornamen unserer Tochter – Eden – und die Scheune, die auszubauen der mittelfristige Plan wäre, sieht besser aus, als alle Bauernhäuser, die wir sonst so besichtigt haben. Nur wird man in ihr erst in ein paar Jahren leben können.

Zum Glück haben wir ja immer ein paar Träume auf Eis in der Hinterhand und nehmen mittels dieser eine Abkürzung zum Wohnungsglück – Jurten.

Es ist April und wenn wir den Sommer schon in diesem Garten, statt in unserem gemieteten schattenlosen und fast vollversiegelten Glutofen verbringen könnten, dann käme das einer Selbstvertreibung ins Paradies gleich. Die plötzliche Wiederauferstehung einer Vision – fast ein bisschen aus dem Nichts.

Es ist bereits Mai, aber bis zum neuen Schuljahr sollte es zu schaffen sein, zumindest mit Wohnwagen, unserem ausgebauten Bus und vielleicht einer der drei geplanten Jurten eine erste Basis aufzuschlagen. Drei Monate plane ich zum bauen der drei fünf-Meter-Jurten ein, dann aber verschwinde ich im Tunnel der nie enden wollenden und sollenden Arbeit und werde in acht Wochen fertig. Mitte Juli stellen wir auf und mit Beginn der Sommerferien versetzen wir unsere Hühner. Wer Federvieh (noch) ohne automatische Tür hat, der lebt nicht dort, wo sein Bett steht, sondern eben der Hühnerstall.

Natürlich ist die Arbeit vor Ort keinesfalls mit dem Aufstellen abgeschlossen, aber ab jetzt arbeiten, spielen und leben wir nicht mehr zwischen zwei Staatsstraßen, sondern inmitten einer von Grillen summenden Prärie mit Blick ins Fichtelgebirge.

Während Arbeitspausen liege ich in der Wiese und stelle nicht einmal mehr die Frage nach der Wertigkeit der Lage.

Blick ins Fichtelgebirge.

Ins Klinikum sind es 12km mit dem Rad, in Schule und Kindergarten 2,5km. Ins Ailsbachtal, in dem schon mal ein guter Anteil der schwersten Routen des Frankenjuras liegt, ebenfalls 12km. Eins unserer beiden Autos können wir auf jeden Fall abstoßen, wir essen ohnehin bereits recht vegan, mit dem Platz für Tiere und Garten, den wir jetzt hier haben, und den Obstbäumen, die es bereits gibt, werden wir uns in Zukunft im Einkauf wohlmöglich Tierische sparen können und vermutlich auch den Großteil an Obst und Gemüse.

Und das alles ohne den leisesten Anklang von Verzicht.

Eher mit einem Gefühl von Jackpot unter der Haut.

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